Wichernkirche

Friedenskirche

Von außen betrachtet ist die Wichernkirche unauffällig. Ohne Kirchturm wird sie von Auswärtigen nur mit Mühe gefunden. Das liegt an der Baugeschichte. Die Wichernkirche ist 1948 als Notkirche für die Friedenskirchengemeinde erstellt worden.

Bei Kriegsende wurde die Friedenskirche schwer beschädigt. Der Bau-
fälligkeit wegen konnte die Ruine nicht genutzt werden. Die Gemeinde feierte ihre Gottesdienste ziemlich beengt im Krematorium auf dem Friedhof. Man suchte einen größeren Gottesdienstraum. Dem kam das Notkirchenprogramm der EKiD entgegen. Der berühmte Architekt Prof. Otto Bartning hatte Pläne entworfen, die in den zerstörten Städten den Gemeinden mit wenig fremden Mitteln einen Kirchenbau ermöglichten. Die Heilbronner Friedenskirchengemeinde war die zweite Gemeinde, die diese Pläne umsetzte. Es folgten noch über vierzig andere. Auf dem Ruinengrundstück des gemeindeeigenen Albert Kindergartens, Ecke Bismarck/ Kernerstraße, machte man sich ans Werk. Spenden aus den USA halfen bei der Finanzierung. Vieles wurde in Eigenarbeit erstellt. So lange sie selber noch in Ruinen wohnten, bauten sich die evangelischen Christen im Heilbronner Osten ihr Gotteshaus. Jung und alt packte von Mai bis Dezember 1948 mit an. ”I hab au Stoi gschuggt“, sagen heute noch ältere Gemeindeglieder, die beim Kirchenbau geholfen haben. Der örtliche Architekt Eugen Dürr hatte die Bauleitung. Für die Gemeinde organisierte der aus Berlin stammende Kaufmann Werner Schuth die Bauarbeiten. Am vierten Advent 1948 konnte die Gemeinde ihren ersten Gottesdienst in der neuen Kirche feiern.

Wie bei einer Benediktinerkirche lädt die in einen Dachreiter gehängte Glocke zu den Gottesdiensten ein. Sie wird bis heute von Hand geläutet.

Den Innenraum prägen rohe Backsteinwände und ein großes Kreuz im Chor. Die Schmucklosigkeit des Raumes dient der Konzentration auf die Predigt. In der Nachkriegszeit wollte man einen bewußt reformatorisch geprägten Kirchenraum, der für den Predigtgottesdienst gestaltet ist. Zugleich war der Neubau praktisch angelegt. Durch eine Trennwand konnte der hintere Bereich als Gemeindesaal genutzt werden. Vom Gottesdienst bis zum Konfirmandenunterricht fand hier alles statt.


Wichernkirche und Albert-Kindergarten

Nach der Einweihung des 1956 angebauten Albert Kindergarten wurde das Raumangebot spürbar verbessert. Nun hatten die Jugend und die Gremien bei der Kirche ihre eigenen Räume.

In Zeiten der Not suchte man einen dem Sozialen verpflichteten Namenspatron. Die Wahl fiel auf Johann Hinrich Wichern. Der Name sollte den Charakter des Provisoriums andeuten. Man dachte damals noch an den Wiederaufbau der Friedenskirche und wollte deshalb den alten Namen nicht verwenden. Wie so manches Provisorium überlebte die Notkirche die weit größere Mutterkirche auf dem Friedensplatz. Sie ist bis heute in Gebrauch, während die Friedenskirche 1952 gesprengt wurde. Der hohe Rang der Architektur Otto Bartnings sorgte dafür, daß die Wichernkirche 1992 zum Kulturdenkmal erklärt wurde. Deshalb hat die Friedenskirchengemeinde eine Wichernkirche, was neben der schwierigen Suche für zusätzliche Verwirrung sorgen kann. Den Eingesessenen fällt es nicht mehr auf. Sie hängen an ihrer Wichernkirche und finden sie, wenn sie ihre Kirche brauchen.